Willst du dich trennen?

Ja – Nein – Vielleicht – Wie mache ich das denn?


Von Naomi Vogel





„Ziel eines Konfliktes oder einer Auseinandersetzung soll nicht der Sieg,
sondern der Fortschritt sein.“

Joseph Joubert



In dem Buch, was du in den Händen hältst, schreiben viele tolle Menschen über ein sehr vielschichtiges Thema. Zur Liebe gehören nicht nur Beziehungen zwischen Mann und Frau oder eine Ehe, nicht nur das Kennenlernen oder der Sex. So viele Möglichkeiten, wie es gibt eine Beziehung zu leben und zusammenzubleiben, so viele Möglichkeiten gibt es auch in der Art sich zu trennen.

           
Beziehungs- und Trennungsarbeit ist genau das, was ich mit meinen Klienten mache und was mir eine unheimlich große Freude bereitet. Dabei betrachte ich das Thema Trennung nicht als negativ. Das Leben und die Beziehungen mit all ihren Erfahrungen sind wie sie sind. Ich bin nicht da, um zu urteilen, sondern den Beteiligten zu helfen ihre Beziehung zu klären.
Wer da mit welchen Themen zu mir kommt? Das kann ein Paar nach einer Affäre sein, die aber zusammenbleiben wollen, wie Lars und Marie oder Stefan und Ines, ein Paar, dass einfach ihre Beziehung verbessern möchte. Das Ex-Paar Nicole und Bernd, ist schon Jahre getrennt, aber immer wieder vor Gericht, weil sie sich um den Umgang mit ihrem Sohn streiten. Anett und Markus, kommen einzeln zu mir und überlegen, wie für sie eine Trennung genau aussehen könnte, wie sie durchführbar ist oder wie er, nach einer ausgesprochenen Trennung erstmal realisieren darf, was warum passiert ist und wie er jetzt damit umgeht.    
All diese Klienten mit ihren Fragen und Sorgen wirst du in diesem Kapitel genauer kennenlernen, wie auch ich sie kennenlernen durfte.

Es geht also nicht immer nur direkt um eine Trennung, sondern auch häufig die Überlegung, „was passiert, wenn ich mich trenne…“ wie bei Anett oder Markus Frage „Wie geht es mir jetzt, wo sich mein Partner getrennt hat?“. Ob man sich trennen will oder soll, was dann zu erwarten ist, wie ich mit mir und meinen Gefühlen umgehe, wenn sich von mir getrennt wurde und wie eine Trennung umgesetzt werden kann – wie z.B. eine Elternbeziehung auch nach einer Trennung fortgeführt wird, wie bei Nicole und Bernd.
Oder es geht um die Fragen von Lars und Marie „Was ist passiert, wie sind wir hierhergekommen?“, „Können wir zusammenbleiben und wie machen wir das?“  und „Kann es zwischen uns wieder besser werden?“

Ich möchte dich auf eine Reise mitnehmen, die mich immer wieder fasziniert. Die Reise, Menschen in ihren Gefühlen und Reaktionen zu verstehen, anzunehmen und ihnen zu helfen sich gegenseitig (oder auch sich selbst) zu verstehen.

Denn dieser Moment, in dem sich jemand öffnet und vom anderen verstanden wird – und dies auch spürt – das ist
der wunderbarste Augenblick. Der Moment, an dem beide wirklich mitarbeiten und sich zuhören und ein Knotenplatzt. Damit wird Raum geschaffen, für beide, so zu sein wie sie sind. Das ist der Moment, für den ich meine Arbeit liebe – Verständnis zwischen Menschen herzustellen, so dass sie wirklich in Kontakt miteinander treten.

Bei diesem Verstehen geht es nicht darum, dass es in Ordnung ist, was der andere sagt oder tut oder man mit dem anderen (am besten immer) einer Meinung sein muss. Es geht vielmehr darum wirklich zuzuhören, dazu bereit zu sein und zu verstehen, was der andere sagt, was seine Gründe waren oder seine Sichtweise ist.              
Es kann schon sein, dass dieses Verständnis etwas mit dem Gegenüber macht. Man reagiert. Erst in diesem Moment kann wirkliche Kommunikation stattfinden. Beide teilen einander mit wie es ihnen geht, haben Vertrauen. Manchmal in sich, manchmal in den anderen oder mich als Mediatorin und Begleiterin.   
Dann sind wir von der Oberfläche weg und können wirklich reden. Über Gedanken und Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche. Das, worum es wirklich geht. Nicht der Wäschekorb oder das Runterbringen des Mülls. Unsere wirklichen Bedürfnisse schwimmen nicht an der Oberfläche – viel zu gefährlich wäre ihnen das. Da könnte man ja von jedem gesehen werden. Und was, wenn dieser Jemand meine Verletzlichkeiten und Wünsche gegen mich verwendet?
Besser, wir (Gefühle) schicken eine Art Türsteher vorweg. Jemand, der sich um die Neugierigen, die Passanten und die Angreifer kümmert und sie abwehrt. Der dafür sorgt, dass diese Personen keine privaten Details erkennen können.     
Dieser Türsteher beschützt die Gefühle, die sich nicht so gern heraustrauen. Das kann Wut sein, welche Angst beschützt. Es kann aber auch Angst sein, die Trauer oder Wut beschützt. Das kommt ganz darauf an, welche Gefühle für uns die Funktion erfüllen und uns sozial akzeptierter erscheinen.

Hier gibt es jetzt viele wunderbare Kommunikationsmodelle, die man anführen könnte, die zeigen, was passiert oder worauf es ankommt. Dies ist Teil meiner Arbeit. Aber worauf es hinausläuft, ist, dass bei Konflikten eine Menge Gefühle beteiligt sind und sie niemals losgelöst von unseren Beziehungen mit anderen stattfinden. Wenn wir streiten, spielt die ganze Vorgeschichte mit rein. Selbst wenn der aktuelle Konflikt-Gegner nicht direkt an der Vorgeschichte beteiligt war.    
Wir trennen uns nicht, weil der Partner uns einmal nicht zugehört oder uns versetzt hat. Wir trennen uns, weil das öfter passiert ist, dass etwas mit uns macht (Gefühle auslöst), wir Gespräche geführt haben, weil etwas in und nach den Gesprächen passiert ist und die Geschichte fortgesetzt wurde. Und irgendwann sind wir an dem Punkt, an dem wir mal an Trennung denken. Aber auch hier tun wir es meist nicht. Weil, sind wir mal ehrlich, in den meisten wichtigen Beziehungen stecken Jahre an Engagement, Gefühlen füreinander, weitere verstrickte Beziehungen zu Kindern und Familienmitgliedern und andere „Schuldigkeiten“. Das gibt man nicht in fünf Minuten auf.

Also reden wir, suchen den Fehler bei uns und bei anderen und suchen Kompromisse, Alternativen, machen Fehler, verbiegen uns und kommen wieder bei uns an. Manchmal auf beiden Seiten, manchmal nur auf einer. Aber selbst dann bereuen wir es fast nie, weil es uns wichtig war und wir alles versucht und getan haben, was wir konnten.


"Konflikte entstehen meist nicht aus einem Mangel an Gefühl, 

sondern aus mangelndem Verständnis."

Justus Vogt




weiterlesen?
 https://amzn.to/3GjviKO    ✨  https://www.twentysix.de/shop/jetzt-9783740786724